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Gebrauchssteine - Mergelkuhlen

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Die Sanderböden des schleswig-holsteinischen Mittelrückens sind nährstoffarm, sie lieferten stets magere Ernten. Eine Möglichkeit zur Verbesserung des Bodens bedeutete früher das Einbringen kalkreichen Mergels, das „Mergeln“.


Die eiszeitliche Grundmoränenlandschaft ist reich an Geschiebemergel. Er entstand unter den Gletschern als fein zermahlenes Gemenge aus sandig-tonig-kalkigen Geschiebemassen. War viel Kalkgestein vom Eis aufgenommen, mitgeschleppt und „verarbeitet“ worden, bildeten sich graublaue, kalkreiche Mergel. Es gibt auch Moränen, die besonders reich an aufgearbeiteter Schreibkreide sind  -  in Form von Kreidegeröllen oder eingeschlämmten Kreidelagen.

  Mergelkuhle Jarplund 1   Mergelkuhle Jarplund 2  
     In der Feldmark am südlichen Stadtrand von Flensburg (Jarplund), in den Ausläufern der Hornholzer Höhen
   (weichselzeitliche Jungmoränen), befindet sich diese gut 1000 m² große ehemalige Mergelkuhle.
   Sie ist von rechteckigem Grundriss und war ursprünglich mindestens vier Meter tief.
   An den steilen Flanken und der erhaltenen Auffahrrampe ist eine Mergelkuhle im Allgemeinen gut zu erkennen.
 

Im 18. Jh. begannen erste Pioniere, die Mühe des Mergelabbaus auf sich zu nehmen. Auf die sandigen Geestböden gebracht, halfen die Tonanteile des Mergels, das schnell versickernde Wasser zu halten, und der Kalk verbesserte den PH-Wert der sauren Sandböden. Auch bei der Urbarmachung der vielen Moorflächen half das Einbringen von Mergel. So entstanden überall kleine lokale Kuhlen, die die nötige Substanz lieferten, um nach und nach die armen oder ausgelaugten Böden wieder ertragreich zu machen oder Ödlandflächen in landwirtschaftliches Nutzland zu verwandeln.

Um an den begehrten kalkreichen Mergel zu kommen, musste der organische Bodenhorizont und die oberflächennahe, meist bis 2 m mächtige Decklage aus braunem Lehm (= ausgewaschener kalkfreier Mergel) abgetragen werden.

         
  Mergelgrube Kragstedt   Neben den kleinen privaten Kuhlen gab es seit dem Ende des 19. Jhs große Gruben auf genossenschaftlicher Basis, in denen mit Lohnarbeitern und Lorenbahnen in großem Umfang Mergelabbau betrieben wurde. Mit der zunehmenden Verwendung von Kunstdünger etwa ab der 1. Hälfte des 20. Jhs wurde der Mergelabbau aufgegeben.



Bild aus:
Land- und Hauswirtschaft im alten Schleswig-Holstein
(H. Mehl, M. Roos, G. Turkowski),
Boyens Buchverlag 2008, S. 64
 

 


Stillgelegte Mergelgruben können als trockene, überwachsene Kuhlen erhalten geblieben sein; vielfach sind sie jedoch durch vorhandene Quellen allmählich mit Wasser vollgelaufen - beliebte Badeteiche. Die Tiefe der Grube und die auch unter Wasser steil abfallenden Ufer bremsen das Versumpfen und den Schilfwuchs.
Interessant der Begriff „ausgemergelt“ für einen Zustand der Erschöpfung und des Ausgezehrt- und Unterernährtseins. Da der Kalkmergel außer Ton und Kalk weiter keine Bodennährstoffe, wie Phosphate oder Nitrate, enthält, hungerten auch die mit Mergel verbesserten landwirtschaftlichen Böden mit der Zeit aus - sie waren dann „ausgemergelt“…

  Mergelkuhle Heimvolkshochschule   Mergelkuhle Heimvolkshochschule  
     Diese früher als lokaler Badeteich beliebte Mergelkuhle auf dem Gelände der dänischen Heimvolkshochschule Jarplund
     befindet sich im Altmoränengebiet südlich des Jarplunder Moores. Auf dem zweiten Bild sind gut die steilen Ufer zu erkennen,
     die von einem nur schmalen Schilfsaum begleitet sind.
 
   

In einer sehr lesenswerten kleinen Schrift von 1924 können wir unter fachkundiger Führung eine Mergelkuhle „betreten“ und uns vorstellen, was diese geologischen Fundgruben einst dem Betrachter zeigten:

 
 In einer Mergelkuhle

Überall in unserem Lande, namentlich im hügligen Osten, sieht man in vielen Koppeln trichterförmige Viehtränken von einer früheren Mergelgewinnung, jetzt sind sie schon teilweise versumpft und mit Weidengestrüpp umsäumt. In der Gegenwart betreibt man die Mergelgewinnung im Interesse der Landwirtschaft nicht mehr im kleinen Maßstabe, es haben sich Genossenschaften gebildet und mit Baggermaschinen wird der Mergel bis 15 m tief herausgeschafft, und Mergelbahnen befördern das Material nach weit entfernten, weniger gesegneten Strecken.
Treten wir in einen Schacht hinein und betrachten die steilen Wände, so erkennen wir zunächst oben eine dünne Humusschicht von dunkler Farbe. Dann folgt meistens ein gelblich-brauner Lehm und dann erst der Mergel, der aber infolge der Verwitterung eine rostrote Farbe hat. Die Verwitterung durch Wasser und Luft ist bis 2 m tief eingedrungen, erst dann tritt die graublaue Farbe des Mergels hervor. Der eisenhaltige braune Lehm liefert in Ziegeleien rote, der kalkhaltige Mergel dagegen weiße Ziegel. Den Kalkreichtum des Mergels erkennt man sofort an den weißen Kreidebrocken in der Wandung; von der Menge derselben ist die Güte des Mergels abhängig. Der Kalkgehalt kann auf 30 – 40 % steigen. Lässt man einen Tropfen Salzsäure auf den Mergel oder die Kreide fallen, so entsteht durch das Entweichen der Kohlensäure sofort ein starkes Aufbrausen und Schäumen. Je weniger Sand der Mergel enthält, desto besser ist er, zugleich umso tonreicher und undurchlässiger für Wasser, und deshalb stehen auch in allen Vertiefungen am Boden der Grube kleine Wasserpfützen. Getrocknet ist der Mergel fast steinhart und weiß.
Meistens liegen zahlreiche Steine in dem Schacht. Zunächst fallen die schneeweißen, abenteuerlich geformten Feuersteine auf, die vielfach für Steingrotten gesammelt werden. Obwohl sie Bildungen der Kreide sind, ist doch die weiße Umhüllung Kiesel, genau wie der Stein selbst. Der Volksmund redet von versteinerten Füßen, Tierköpfen usw.; auch wenn eine gewisse Ähnlichkeit da ist, so können fleischige Teile doch niemals versteinern. Aber bei genauem Nachsehen findet man in der Masse des Feuersteins manchmal viele versteinerte Muscheln und andere Gebilde.
Die wichtigsten Geschiebe im Mergel aber sind eine Anzahl graublauer silurischer Kalke. Die im Eise zerrieben dem Mergel die eigenartige Farbe gegeben haben. Ihre Heimat ist das silurische Becken im Baltikum zwischen Schweden, Gotland und Kurland. Die Oberfläche dieser Geschiebe ist vollständig glatt und mit Gletschergekritzel bedeckt, treffliche Beweise von der Tätigkeit des Eises und der Ablagerung der Grundmoräne. Während der Rollsteinkalk fast ohne Einschlüsse ist, finden sich im Beyrichienkalk unzählige Brachyopoden und Beyrichien, d. h. kleine Krebsreste von Stecknadelkopfgröße.
Der mehr bunte Orthoceraskalk schließt eine ganze Anzahl von Gradhörnern und Trilobiten ein, was man gewöhnlich aber erst beim Zerschlagen bemerkt. Nicht selten sind schwarze silurische Schiefer, bei welchen man auf den frischen Spatflächen die Abdrücke der rätselhaften Graptolithen erkennen kann.
Bevor wir die Grube verlassen, besuchen wir noch eine alte Wand, die abgeregnet ist, so dass oben viele kleine Steinchen liegen. Hier erblickt ein geübtes Auge eine Unmenge von kleinen Versteinerungen, meistens aus der Kreideformation. Von Seeigeln kommen Schilder und Stacheln vor, letztere groß und klein, glatt, gerippt, gefurcht, gesägt, prismatisch, rund, flaschen- keulen- oder kugelförmig. Die Seelilien liefern viele Stengelglieder, schön fünfeckig und mit regelmäßigen Figuren geziert. Ferner kommen vor Muschelstückchen, Belemniten, kugelige oft durchbohrte Porenschwämme usw. Die kleinen grauen Muscheln sind silurischen Alters aus dem Beyrichienkalk. Auch Bernsteinbrocken und Braunkohle sind nicht selten. Man verlasse aber die Gegend nicht, ohne einen Blick auf die ausgelesenen Stein zu werfen, wo man oftmals schön abgeschliffene Gletschersteine aller Art auflesen kann.
Hat der Mergel längere Zeit gelegen, so stellen sich bald verschiedene Pflanzen ein, wie Huflattich, Distel, Luzerne, roter Klee u. a. Diese Pflanzen gedeihen niemals in kalkarmem Boden, und wo der Kalk fehlt, da wird der Boden sauer, was man in dem Auftreten von Binsen, Sauerampfer, Ackerspergel und Wucherblumen erkennen kann. Die Bedeutung des Mergels für die Landwirtschaft besteht darin, dass er schweren Boden locker macht, leichten Boden bindiger, kalten Boden wärmer und sauren Boden neutral macht, überall den Humus aufschließt und aus allen Erdmassen brauchbare Pflanzennahrung herstellt.

 
  aus: „Geologische Bilder unserer schleswig-holsteinischen Heimat
                      Für Freunde der heimatlichen Natur
     bestimmt zum Selbststudium und zum Schulgebrauch“,
Abschnitt 10
von H. Philippsen (Begründer des Naturkundlichen Heimatmuseums Flensburg) 
 


 Link: Ein Foto aus einer genossenschaftlichen Mergelgrube von 1907 ist nebst einigen Informationen auf der Seite „Schleswig-Holstein von A bis Z“ zu finden -
http://www.geschichte-s-h.de/vonabisz/mergel.htm

   
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