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Gebrauchssteine  -  Felsritzungen

Petroglyphen der Bronzezeit im skandinavischen Raum
 
 
Bohuslän
  In Bohuslän bot der dort anstehende feinkörnige Bohus-Granit nicht nur weite, ebenmäßig glatte Flächen. Seine Festigkeit trug dazu bei, dass viele der Ritzungen über Jahrtausende erhalten geblieben sind.
Erst die Freilegung, somit das Ausgesetztsein der Verwitterung (und moderner Luftverschmutzung) setzen den Ritzungen zu.
Besonders wertvolle Ritzungen wurden lokal zum Schutz wieder mit Erde bedeckt bzw. erhalten Winterschutz durch Planen.
 
Die Region um Tanumshede war in der Bronzezeit (ca. 1800 - 530 v. Chr.) offensichtlich ein bedeutendes kulturelles und kultisches Zentrum.
An nahezu 600 Fundstellen wurden inzwischen über 10.000 Felsgravuren entdeckt. Sechs dieser Fund-Lokalitäten gehören seit 1994 zum Weltkulturerbe.
 
1. Vitlycke
Die Felsritzungen von Vitlycke sind die umfangreichsten und figuren-reichsten im gesamten Schweden. Die Anlage ist mit einem Museum
(mit verschiedenen Aktivitäts-Angeboten), ausführlichen Infotafeln und Gehwegen touristisch einladend erschlossen. https://www.vitlyckemuseum.se/de/
 
Hinweis: Die nebenstehende Aufnahme stammt von 2009. Heute wird für den Museums-besuch ein Eintritt erhoben.
 
 
Die bekannteste Felsplatte nahe dem Museum Vitlycke ("Vitlyckehällen") zeigt rund 500  Einzelmotive: Schiffe, Personen, Tiere, lange Reihen von Schalengruben, auch abstrakte Symbole...
Die Bildmotive und Szenen sind weitgehend richtungslos angeordnet, es ist keine zusammenhängende Komposition (wie in der nahegelegen Felsplatte bei Fossum). Das hat seinen Grund darin, dass die Flächen hier über lange Zeiträume als ritueller Ort dienten und genutzt wurden, offenbar um besonderen Gegebenheiten, die einzelne oder die Gruppe/den Stamm betrafen, mittels einer solchen Darstellung eine spirituelle Bestätigung zu geben.
(Wir müssen immer bedenken, dass es ein äußerlich historisch-dokumentierendes Bewusstsein  - das für uns heute der Anlass für eine Gedenk-Petroglyphe wäre - damals noch nicht gab.)
 
Die Platte enthält neben Einzelmotiven auch einige szenische Darstellungen aus späterer Zeit. Ihren Sinn, ihre Aussage zu entschlüsseln, ist uns nicht immer möglich. Wie auch bei den Einzelmotiven gibt es oft mehrere Interpretations-Versuche seitens der tätigen Disziplinen  -  abhängig, ob am jeweiligen Objekt archäologisch, anthropologisch, kunstgeschichtlich oder geschichtlich geforscht wird  -  und welche Richtung insgesamt die aktuelle Felsbildforschung dominiert.
Die nachfolgenden Erklärungen sind derartige Interpretationsversuche.

  Übersichtsskizze zu der Felsplatte
 
(Infotafel am Ort)


Infotafel 1,
 Motive erklärend


Infotafel 2,
Motive erklärend
Ein Link: https://www.vitlyckemuseum.se/tanums-varldsarv/vitlyckehallen/
 
Die bekannteste Szene auf dem Fels von Vitlycke ist das Brautpaar. Es stellt offensichtlich eine "heilige Hochzeit" dar. Heilige Hochzeiten kommen in den meisten vorchristlichen Religionen vor. Sie sollten die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Saat beschwören. Oft wird von einem Mann erzählt, der stirbt und danach einmal im Jahr aufersteht, um Hochzeit mit einer Göttin zu feiern. In einer kultischen Handlung wurden die Rollen von einem Priester und einer Priesterin übernommen.
 
Neben dem Brautpaar steht ein Mann mit erhobener Axt (Kult-Axt). Diese Kombination von Brautpaar und Axt kommt auf mehreren Ritzungen in der Nachbarschaft vor. Die Axt
(in der Wikingerzeit der Hammer) spielte in der nordischen Mythologie und Gedankenwelt eine (uns nicht bekannte) wichtige rituelle Rolle.
                                       (Foto: M. Strehlow)
 
Unterhalb des Brautpaars sehen wir eine der wenigen Abbildungen einer Frau. Sie kniet neben einem liegenden Mann und hält seinen Kopf im Schoß.
 

Diese kleine Szene wird die
"trauernde Frau"
genannt, weil man annimmt, der Mann sei tot und die Frau trauere um ihn. Wenn diese Deutung richtig ist, wäre dies ein seltenes Beispiel für die Abbildung eines toten Menschen.

                                      (eigenes Foto)
 
Links neben dieser Szene ist eine männliche Gestalt dargestellt, mit derart weitreichend nach beiden Seiten ausgestreckten Armen, dass sie über mehrere Bildmotive hinausragt.
  Die Verbildlichung einer derart weitreichenden Handlungsfähigkeit wird als Zeichen ritueller Vollmacht interpretiert (das heißt, die begrenzte physische Welt überbrücken
und mit der spirituellen Welt interagieren zu können). 
Damit hat ein solcher Mensch Teil an umfassender göttlicher Macht.      (Foto: M. Strehlow)
 
Vitlyckehällen wird von einer senkrechten Reihe von rund 70 Schalen durchzogen (siehe Überblicksskizze oben). Damit wird eine Grenzlinie markiert. Die Frage bleibt offen, was hier voneinander geschieden wird? Sphären, Regionen, Machtbereiche?

  Kämpfer
stehen sich an dieser Linie gegenüber, einer links der
  Grenze, 2 rechts. Sie sind mit Streitäxten, Schwertern und Schildern
  bewaffnet und schwingen ihre Äxte gegeneinander, über diese
  Schalenmarkierung hinweg. Hat dies eine Bedeutung?
  Schalenmotive treten vielfältig auf und sind in ihrer Bedeutung und potentiellen Funktion (im Kontext von Opferriten?) nicht geklärt. Gruppenweise in oder Bildmotiven beigeordnet sind sie zweifellos von symboli-scher Bedeutung.
Eine mögliche Erklärung wäre, dass sie hier, jede für sich, eine Etappe eines zu gehenden Weges (in die Jenseitswelt) darstellen. Oder auch, jede für sich, die Anwesenheit eines spirituellen Wesens präsentieren (z. B. dann, wenn sie kreisförmig um ein Sonnenkreuz gruppiert sind, siehe weiter oben).
 
Durch eine hervorgehobene Größe gegenüber kleineren Figuren in ein und demselben Bildmotiv wird die führende Kraft einer Person betont. Die nachfolgende Szene ist keine kriegerische, sie verweist auf einen Ritus, auf einen Initiationsvorgang, vermutlich auf das sehr wichtige Mannbarkeitsritual für Heranwachsende.
  Die in einer Reihe geführten Figuren sind als Adoranten dargestellt (anbetend). Die große führende Gestalt (Priester) mit weisender Gebärde ist zwar männlich gekennzeichnet und trägt das obligatorische Schwert, aber die Beine sind geschlossen. Das gilt als Merkmal ritueller Identität, im Sinne innerer Zurückgezogenheit im Rahmen eines auszuübenden Ritus'.
                                         (Foto: M. Strehlow)
 

Anders diese beiden Jagdszenen:
Die Jäger, in aktiver Schrittstellung und mit ausgeprägt kräftigen Waden, halten bzw. führen Bogen oder Speer, bereit zum Schuss und Wurf.
Das Wild abgewendet, auf der Flucht.
Der langschwänzige Wolf (?), Beute einer Gruppe, bereits getroffen.
                                (eigene Fotos)    
 
Das Schiff ist eines der Hauptmotive in der bronzezeitlichen Bilderwelt. Unter den rund 10.000 Felsritzungen von Tanumshede befinden sich einige hundert Schiffsabbildungen. Schiffe bedeuten in den Bilddarstellungen nicht das Transportmittel unseres heutigen Verständnisses. In der Bronzezeit war die Verehrung der Sonne und anderer kosmischer Phänomene zentral. Die Sonne wurde als Hauptgottheit verehrt, bildlich oft in Verbindung mit Symbolen wie Schiffen und dem Sonnenrad. Eine andere Bedeutung der Schiffe steht für den Übergang des Menschen aus der diesseitigen in die Jenseitswelt, nach dem Tod. Ab der späten Bronzezeit wurden im skandinavischen Raum Verstorbene in schiffsförmigen Grabanlagen beigesetzt. Erst in der Spätzeit entstehen Bilder, die auf Schiffe im Zusammenhang mit Fischfang und Handel deuten.
 
In diesem Schiff mit hochgeschwungenem Bug und Heck (mitsamt schützendem Sonnensymbol) aus der späteren Zeit sind die Mitreisenden nicht mehr nur als Striche angedeutet. Sie haben Köpfe. 
Zwischen den Mitreisenden stehen zwei Kämpfer, mit Schwert und Streitaxt.
Ob dieses Bild zur spirituellen Begleitung hoher gefallener Stammesmitglieder entstand?
                                                 (Foto: M. Strehlow)
Häufig stehen zwischen den Menschen auf dem Schiff, wie hier auch, 2 Lurenbläser. Die Lure war ein bedeutendes rituelles bronzezeitliches Blasinstrument. Sie wurde im kultischen Kontext verwendet - und zwar immer paarweise. Die Bläser begleiteten Zeremonien und heilige Reisen. Da an Fundorten immer 2 Instrumente zusammen gefunden wurden, wird angenommen, dass sie dualistisch ergänzend eingesetzt wurden  -  für Auf- und Untergang der Sonne, für Tag und Nacht, für Leben und Tod... und im gemeinsamen, wechselnden Einsatz einen Ausgleich, eine höhere Einheit herstellten.
 
 
Aspebjerget

Etliche der vielen Felsritzungsplatten von Aspebjerget (etwas südlich von Vitlycke) sind nicht farbig behandelt, sind teilweise auch durch die Verwitterung undeutlich geworden.
Die gut erhaltenen und präparierten Teile sind vom Parkplatz aus gut zugänglich.
 
 
Hier zwei Ausschnitte mit:
- großen Kriegergestalten. Der Leib wird durch einen als Sonnenkreuz dargestellten Schild geschützt.
Wie in anderen Bildern sind sie zwar mit Schwer-tern gegürtet, schwingen im Kampf aber ihre Äxte.
- Vielen Schiffen, einzeln oder gereiht als Gruppe.
- In den oberen Bildteilen 
sehen wir Hirsche, Bullen, auch einen pflügenden Mann u. a. Einzelmotive.
                     (eigene Fotos)
Details aus den Felsritzungen von Aspebjerget:
a. Kämpfer, b. ein Symbol für die Nahrung-spendende Sonnen- oder Erdenkraft (?),
c. unerklärtes Schälchen-Motiv                                                            (Fotos: M. Strehlow)
 
 
Tegneby
     
Das so bezeichnete "Reiterfelsbild" ist Teil der reichen und vielgestaltigen Felsritzungen von Tegneby, es datiert bereits in die späteste Bronzezeit (Übergang zur Eisenzeit).
Ein Hinweis auf diese späte Entstehungszeit ist der Fakt, dass Pferde nun als genutzte Reittiere dienen. Ebenfalls keltisch geprägt sind die neuartige Personendarstellung (runder Kopf ohne verlängerte "Nase") und die Attribute (statt Streitaxt der Speer sowie eine Kult- oder Stammesstandarte - so lautet die Erklärung für die hochgehaltenen rechteckigen "Schilder").
 
In dieser besonderen Szene, die in ähnlicher Ausführung mehrfach dargestellt ist, stehen sich 2 Gruppen von je 4 Reitern in kämpferischer Auseinandersetzung gegenüber. Einige sind mit Speeren bewaffnet und/oder halten die (in dieser Form sonst nicht aus Felsbildern bekannten) Standartenschilder an Stangen empor. Auf Grund dieser Attribute werden die Szenen nicht als reale Kämpfe gedeutet, sondern als rituelle Veranstaltung oder als sportlichen Wettkampf.
    (Foto: M. Strehlow)     
 
 
Nahebei befinden sich die Ritzungen von Litsleby. Sie werden als die ältesten der Anlage von Tanums-hede geschätzt  -  mit Symbolen wie Fußabdrücken, Sonnensymbolen und Bildern von Tieren und etlichen Schiffen. Eine herausragende Besonderheit ist eine 2,5 m große, spät über alle vorhandenen Bildzeichen hinweg geschaffene, speertragende Männerfigur.
Sie wird als Darstellung eines Gottes interpretiert.
Link z. B. https://de.wikipedia.org/wiki/Felsritzungen_von_Litsleby
 
 
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