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Landschaft - Strände und Kliffs

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Das Hohe Ufer von Heiligenhafen
 
Selbst diese sehr vereinfachte topographische Skizze lässt erkennen, dass das Hohe Ufer bei Heiligenhafen im Vergleich zu dem südwestlich gelegenen, ausgedehnten Steilufer bei Johannisthal von sehr bescheidenen Ausmaßen ist.
Es ist offensichtlich der Rest eines größeren, bereits abgetragenen Hochgebietes. Dessen Abtragungs-material ließ im Zuge des küstenparallelen Sediment-transportes die Nehrungshaken von Stein- und Graswarder bei Heiligenhafen entstehen.
Dieser gekoppelte Abbau- und Aufbauprozess hat (C14-Datierungen zufolge) vor ca. 3000 Jahren begonnen und dauert an.
 
 
 
Das Heiligenhafener Steilufer gehört somit zwar nicht zu den markant hohen, großen Kliffs der Ostsee  - aber es ist ein besonders aktives. Auf Grund seiner Lage im äußersten Nordwesten der Oldenburgischen Halbinsel ist es ganz den über die offene Hohwachter Bucht anstürmenden Westwinden ausgesetzt. In seinem Nordteil beträgt die jährliche Abbruchrate etwa 1 m. Das führt zu fortwährend veränderten Aufschluss-Situationen.
Die besondere Aufmerksamkeit der Glazialgeologen erfuhr und erfährt es allerdings nicht in erster Linie auf Grund dieser Dynamik sondern auf Grund seines ungewöhnlichen Kliffaufbaues.

             Blick aus dem Bereich des südlichen Parkplatzes nach Norden  - 
              bei starkem, auflandigem Westwind.


 
 
 
Eindrücke während einer geführten Strandwanderung am Tag des Geotops 2022
(Leitung: Dr. Kay Krienke, LLUR):
 
  Im Senkungsgebiet zwischen den beiden Steilufer-Komplexen (Heiligenhafener und Johannisthaler Steilufer) haben sich dort, wo die Niederung bis an das Ufer reicht, flache, bewachsene Strandwälle ausgebildet.
Strandwälle entstehen durch die von stärkerer Brandung auf dem Strand abgelagerten Sedimente - Sand und kleine Gerölle (Kies).
Die Ablagerungen stammen hier  -  der küstenparallelen Strömungsrichtung folgend  - überwiegend aus dem Abtrag des Hohen Heiligenhafener Ufers und nur mit kleinerem Anteil von Johannisthal.
 
Bild unten links: Man erkennt das junge und noch vergängliche Profil des aufgespülten Sediments mitsamt frisch und verstreut auf den Sand geworfenen Steinen  -  und noch höher gespült Seegras.
Bild unten rechts: Auf dem Strand ist rechterhand älterer Geröllstrand zu sehen, im mittleren Bereich Sand, der diese alten Kiese überdeckt hat und nun aktuell wiederum (links bis zur Wasserkante) neu von frischem Geröll und Seegras überlagert wird.
 
Der Akkumulation im Bereich der Strandwälle und Nehrungen geht die Erosion im Bereich des hohen Kliffs voraus.
Im Steilufer ist dies an vielen Stellen eindrucksvoll wahrzunehmen: 1. Die Einwirkung des auslaugenden Regens von oben
(Bild unten links), wie auch 2. die Unterspülung des Kliffs durch die Brandung (Brandungskehlen im mittleren Bild).
Beide Vorgänge in Kombination, verstärkt durch Frostsprengung im Winter, führen zur Zerklüftung des Steilufers und zum Abbruch größerer Blöcke der Kliff-Substanz
(Bild rechts).
Im Südwesten des Hohen Ufers ist die Abbruchrate geringer, liegt bei ca. 0,50 cm pro Jahr, im Nordosten ist sie mit ca. 1 m erheblich.
Eine detaillierte Beschreibung der komplexen Erosionsprozesse an Steilufern liefert z. B. J. F. Gellert.
 
  Der reichlich auftretende Hangschutt überdeckt große Bereiche des Hohen Kliffs und verwehrt dadurch weitgehend den Anblick seines Aufbaus, seiner Lagerungsstrukturen.
Zuweilen ergeben sich durch frische Abbrüche temporäre "Fenster", beispielsweise in instabileren, sandigen Partien  -  oder durch Freispülungen am Klifffuß.

Linkes Bild: Bogig gestauchte Schmelzwassersande,
rechtes Bild: eine steil gestellte sandig-schluffige Scholle
 
 
Der Aufbau des Heiligenhafener Ufers zeigt im Vergleich zu anderen schleswig-holsteinischen Kliffs Besonderheiten.
 
Eine Besonderheit liegt darin, dass beim letzten weichselzeitlichen Eisvorstoß ältere glaziale, auch glazifluviale Ablagerungen (Schmelzwassersande) aufgestaucht, verfaltet, z. T. überkippt wurden  - 
und dann von der dünnen (nur 0,50 - 2 m dicken)Grundmoräne dieses letzten Vorstoßes (Mecklenburger Phase) überdeckt wurden.
Dabei wurden stellenweise die Stauchfalten vom vordringenden Eis gekappt und - derart angeschnitten und vom neuen Till (Geschiebemergel) überlagert - als Profil konserviert. Diese Grenzfläche ist markant (siehe nebenstehendes Bild).
 
Aus ihr stammen auch die zahlreichen flach geschliffenen bzw. mit Schleifspuren versehenen, kleinen und großen Geschiebeblöcke am Strand.
   
Rotsandstein, grauer Kalkstein und Metabasit (hier ein Fleckengestein) gehören zu den häufigen Geschieben.
 
 
Eine weitere Besonderheit ist das mehrfache Vorkommen vorglazialer, tertiärer Ablagerungen in den vom Weichseleis aufgestauchten älteren Sedimenten. Sie treten in Form isolierter Schollen auf.
 
Hier ist neben und über einer Brandungskehle vom Klifffuß aus aufwärts eine steil gestellte tertiäre Scholle zu sehen. Sie enthält inkohltes, sandig-schluffiges Material aus dem Miozän (Braunkohlenzeit vor ca. 10 - 20 Mio. Jahren), darüber glimmerreiche, sandige Ablagerungen und das etwas ältere Heiligenhafener Gestein (Bild rechts). Das Detailbild der Braunkohle-Ablagerungen zeigt versetzte Bruchstrukturen, die durch den Gletscherdruck  -  im durchgefrorenen Boden  - verursacht wurden.
 
Die ältesten vorglazialen Sedimente im Kliff sind die Ablagerungen des Tarrastons.
Er entstand als marines Sediment unter subtropischen Bedingungen in dem damaligen Vorläufer-Meer der Ostsee  -  während des Untereozäns, vor ca. 40 - 50 Mio. Jahren. Er tritt hier in Form von Schlieren auf, oft im Kontext eines später entstandenen Eozän-Gesteins, des Heiligenhafener Gesteins. Der braun-grünliche, fette Tarraston verursacht häufig flächige Rutschungen  -  und sorgt so für zusätzliche Kliff-Aufbrüche.

Ein weiteres Vorkommen des Tarrastons sei genannt, weil er dort den begehrten Faserkalk (die "Ostseejade") enthält: bei Katharinenhof auf Fehmarn.
siehe auch: http://www.strandstein-ostseejade.de/anstehende-faserkalkplatten/

 
 
Die eigentliche Besonderheit des Kliffs jedoch, sein "Alleinstellungsmerkmal" ist das nach dieser Typlokalität benannte "Heiligenhafener Gestein".
Es ist ein glaukonithaltiges, grünlich-graues, verkieseltes Schluffgestein aus dem jüngeren Eozän (um die 35 Mio. Jahre alt), das aus dem tiefer liegenden Untergrund durch den Eisdruck als Stauchschuppe aufgepresst wurde.
 
     
Die mehr oder weniger steil gestellten Schollen lassen eine Bankung erkennen, die auf die lagenweise unterschiedliche Verkieselung (Opalisierung) zurückzuführen ist. Eine streifige Einfärbung wird durch stärker tonige Bestandteile bewirkt. 
 
Das Heiligenhafener Gestein ist arm an Makrofossilien, enthält aber eine artenreiche Mikrofauna aus Foraminiferen und Coccolithen. Nachfolgend drei am Kliff aufgelesene Gesteinsproben (bei der ersten sind unter dem Stereomikroskop einzelne Fragmente gekammerter Mikrofossilien erkennbar).
 
Auf Grund seiner Besonderheiten, insbesondere des Heilighafener Gesteins hat das Heiligenhafener Steilufer eine lange glazialgeologische Forschungs-Vorgeschichte. Anliegen war stets, den Kliffaufbau in seiner zeitlichen Abfolge zu verstehen und einzuordnen. Durch Geschiebezählungen, speziell Feinkiesanalysen, konnten in jüngster Zeit altglaziale (saalezeitliche, an einer Stelle sogar elsterzeitliche) Ablagerungen bestimmt werden, die von dem  - augenscheinlich stark eingreifenden - letzten Weichsel-Vorstoß mit den genannten tertiären Anteilen bereichert, gestaucht, gekappt und von einer Deckmoräne überlagert wurden. Ein ungewöhnliches Szenarium, das so von keinem anderen Kliff bekannt ist. Mit anderen Worten: Ablagerungen der frühen und mittleren Weichsel-Phasen (die es zweifellos gegeben hat) wurden diesem Forschungs-ergebnis folgend zwischenzeitlich spurlos abgeräumt. (Stephan 2005)
 
 
Und ein paar ergänzende Eindrücke:
 
Auch am Heiligenhafener Strand war ein Phänomen zu beobachten, das auf den ersten Blick oft als unwillkommene Strandverschmutzung verdächtigt wird  -  wolkige, dunkle Flecken im Sand.
Bei genauerem Hinschauen und Prüfen mit einem Magneten wird deutlich: es handelt sich um eine Ansammlung dunkler Minerale, um eine Schwermineralseife (Bild unten links). Das ist in der Tat eine Erz-Lagerstätte, allerdings sozusagen en miniature. Sie besteht aus Mineralkörnchen mit einem höheren Gewicht als der übliche helle Sand - in erster Linie aus Granat und Magnetit. Der interessanteste Bestandteil dabei ist Magnetit (Fe3O4).
Ein solcher schwermineralreicher Sand, getrocknet und auf ein Papier geschüttet, wird durch einen unter dem Papier entlang geführten Magneten eindrucksvoll in Bewegung gebracht. Die feinen Magnetitkörnchen stellen sich dem Magnetfeld entsprechend auf (zweites Bild).
Allerdings war der diesmal am Heiligenhafener Kliff gefundene Sand (2 Bilder rechts) vergleichsweise spärlich mit Magnetit versehen.
       

   Schwermineralseife von Habernis
  (Aufnahme mit Handy)
 
 
Ein nicht nur am Gestein interessierter Strandwanderer wird auch in anderer Hinsicht erfreut  -  wenngleich eine frühere Jahreszeit in puncto Strandpflanzen freigebiger sein kann. Die besonders hartnäckigen Typen hielten aus. Man schaut mit einigem Respekt auf das Leben, das an so kargen und rauen Orten ausharrt. 
         
echtes Leinkraut Stachellattich Gänsedistel Meerkohl Meersenf
     
       
Das Gegenteil von Ausharren demonstrierte eine äußerst mobile Familie von Zwergstrandläufern  -  die bewundernswert flink vor den heran schäumenden Brandungswellen hin und her trippelten und im frisch frei gespülten Sand nach Fressbaren pickten  -  und dabei nie vom Wasser erwischt wurden!  
       
       
  Das Hohe Ufer von Heiligenhafen  -  unter der bewährten Führung durch Dr. Kay Krienke war es wieder ein  interessanter  und lohnender Strandgang. Danke!
 
 
Literatur:
Niedermeyer R. O. et al.: Die deutsche Ostseeküste. Sammlung geologischer Führer, Band 105. Gebr. Borntraeger 2011
Stephan H.-J., 1985: Exkursionsführer Heiligenhafener „Hohes Ufer". - Der Geschiebesammler 18(3):83-99; Hamburg.
Stephan H.-J. et al. 2005: Exkursion B1 (72. Tagung der Norddeutschen Geologen, Lübeck)
Zölitz R. 1989: Landschaftsgeschichtliche Exkursionsziele in Schleswig-Holstein. Wachholtz Verlag.
 
 
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