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Landschaft - Im Ostseeraum  -  Die Flensburger Förde

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Das Kliff von Habernis
 
    Das steil aufragende Kliff bei Habernis setzt einen markanten Schluss-punkt im weit geschwungenen Uferbogen der Habernisser Bucht. So lenkt es die Blicke auf sich und lädt wohl auch zur Erkundung ein. Informiert man sich vorbereitend mit einem Blick auf die Karte und  - noch aufschlussreicher  - auf das Satellitenbild, so erkennt man: Dieser Sporn hat auf seiner Westseite ein anderes Gepräge als auf seiner Ostseite.
Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man die Umrundung der "Huk" unternimmt.
     

Kartenausschnitt aus OpenStreetMap
 
       
Der Nordwestseite des Kliffs, der Habernisser Bucht zugewendet, ist eine breite Flachwasserzone vorgelagert. Das Ufer selbst besteht aus einem  -  vom Parkplatz am Campingplatz an  -  allmählich an Höhe gewinnenden, weitgehend passiven (bewachsenen) Steilufer. Es ist dies ein vergleichsweise ruhiger Küstenbereich, wenngleich in jüngster Zeit, wie überall, die Abrasion zunimmt.
Anders die der Geltinger Bucht zugewendete Ostseite. Hier zeigt das Satellitenbild starke Ausbisse in den auf der Höhe ebenfalls landwirtschaftlich genutzten Flächen. Das sind Hinweise auf massive Hangrutschungen. Sie werden verursacht durch Gleitschollen aus feinem, wasserstauenden Ton im Hang. Hinzu kommen die auf der Ostseite stärkere Einwirkung von Wind und Wellen und das weitgehende Fehlen einer Flachwasserzone. Es ist dies ein beanspruchter, aktiver Küstenbereich, der die stattfindende Erosion schonungslos zeigt. An diesen erosiven Bereich schließt nach Süden auf kurzer Strecke das wiederum sich abflachende Steilufer mit ruhigeren Bodenverhältnissen an, hier wurde gegen die Angriffe von See aus die unmittelbare Uferzone im Interesse des Küstenschutzes bis zum Parkplatz "Na de Huk" mit einem Deckwerk aus Findlingen versehen. Bei den Hangrutschungen würden Küstenschutzmaßnahmen wenig helfen, deshalb unterbleiben sie.
 
Das Kliff bei Habernis wurde geologisch untersucht und beschrieben und dabei seine Wertstellung als Geotop, als geologisch schützenswertes Objekt, erkannt1. Damals wurden auf der Ostseite Aufschlüsse kartiert, die deutlich machen, dass es sich hier um eine vom Eis in mehreren Schollen gestauchte Seitenmöräne des Förde-Gletschers handelt.
Das Besondere ist: Durch die mehrfachen Stauchungen wurden auch Meeresablagerungen der Zwischeneiszeit (Eemwarmzeit) aufgeschoben. Es sind graue, graugrüne bis graublaue, feine Tone, die als Leitfossil eine Muschel ("Arctica Islandica") enthalten. Da früher diese Muschel als "Cyprina" bezeichnet wurde, wird der Ton nach ihr "Cyprinenton" genannt. Es ist dieser sehr feine, wasserundurchlässige Ton, der die erheblichen Rutschungen im Kliff, und zwar entlang seiner Überschiebungsflächen, verursacht. Das auf dem Ton sich sammelnde Grundwasser schafft den Gleitfilm, der die aufliegenden Erdschollen abrutschen lässt. Zum Leidwesen der Landbesitzer am Ort.
 
Auf Grund des Deckwerks aus größeren Findlingen ist die Zugänglichkeit des Kliffs von der Ostseite aus erschwert. Von Westen her, vom Parkplatz am Campingplatz Habernis aus, führt der Weg über einen natürlichen Geröllstrand.
 
Bilder einer Umrundung des Kliffs
 
Der Ausgangspunkt: Die Bucht am Campingplatz Habernis Schon bald zeigt sich etwas angeschnittene Grundmoräne Allmählich steigt das noch überwiegend bewachsene Steilufer an Ein Warnschild mahnt...
 
 Der Blick zurück nach Westen reicht an klaren
 Tagen über die Bucht hinaus über die gesamte
 Länge der Außenförde  -  bis zur Halbinsel
 Holnis.
  Der Blick nach Osten, zum Kliff: Er 
  zeigt ebenfalls den allenthalben sehr
  flach auslaufende und mit Steinen
  dicht bepackten Strand.
  Unter den großen "Kalibern" am Strand finden
  sich häufig "Migmatite", deren Textur deutlich
  erkennen lässt, dass der heute harte Stein
  einst plastisch-bewegte Materie war.
 
Es sind Steine aller Größen und von sehr unterschiedlicher Beschaffenheit, die während der Eiszeit vom Gletschereis aus vielen Gebieten des skandinavischen Raumes hierher verbracht wurden. Sie bilden eine große petrographische Vielfalt ab und sind Zeugnisse einer komplexen Genese in langen erdgeschichtlichen Zeiträumen. Manche von ihnen sind "Allerweltsgesteine", andere sind charakteristische Besonderheiten, die deshalb in ihrer Herkunft bestimmt werden können.

Die wenigen Beispiele unten zeigen etwas von dieser reichen Verschiedenartigkeit.
1. Ein Hyperit, ein dunkles, kristallines Ganggestein (im Handel irreführend als "Schwarzer Granit" bezeichnet), aus Südschweden stammend.
2. Ein Rapakivi, ein granitisches Tiefengestein, die darin enthaltenen Ovoide machen es zu einem leicht zu identifizierenden, wiedererkennbaren Gestein, Herkunft: Åland-Archipel.
3. Ein Faxe-Kalk, ein wesentlich jüngerer, korallenreicher und vergleichsweise weicher Kalkstein aus dem Gebiet um Seeland (Faxe) und Schonen.
4. Ein Diabas, ein subvulkanisches Ganggestein, das eine typische, hellbräunliche Verwitterungskruste ausbildet, die schalig abplatzt. Es ist ein Gestein, das der Nr. 1 nahe steht, aber feinkörniger ist.
5. Schieferähnlicher, leicht welliger Feinsandstein  - ein Sedimentgestein, das auf eine Ablagerung unter wechselnden Strömungsrichtungen hindeutet. 
         
Die Strandsteine waren einst mehr oder weniger scharfkantige, formlose Gesteinsbrocken, aus dem Muttergestein herausgelöst. Durch den Transport im Eis, dann dem Schmelzwasser und schließlich dem Wellenschlag der Brandung ausgesetzt, sind sie zu wohlgerundeten Geröllen geworden  -  und erscheinen nun fast als steinerne "Individuen".
Sie haben eine denkwürdige Reise hinter sich und können durchaus als Boten nicht nur einer uralten Vergangenheit sondern auch einer fernen Heimat respektiert werden.
Und sie laden nicht selten zur spielerischen Beschäftigung mit ihnen ein  -  ob zu einem "Manderl", einem Balance-Experiment oder einfach einem schönen Skulpturen-Objekt...
 
 
Das Steilufer gewinnt an Höhe, und es werden junge, diesjährige Abbrüche mit nur temporär überwachsenen Bereichen sichtbar. Auch am Kliff-Fuß treten Unterspülungen auf. Anwohner haben versucht, einen weiteren Abtrag des Hochufers zu bremsen: es wurden Steinpackungen deponiert.
     
Besonders klar zeigt dieser Strandabschnitt die Auswirkungen der marinen Erosion. Die weitgehend homogen ausge-bildete Grundmoräne wurde zu einer glatten Wand abgetragen. Sie zeigt ihre typische Beschaffenheit: nahezu eben, allenfalls leicht wellig gelagert und unsortiert mit unterschiedlichen Steinen durchsetzt. Die oberen Schichten sind hellbräunlich (= entkalkter Lehm), unten grau (= kalkreicher Geschiebemergel, Till). Die Wurzeln des Baumbestandes hängen frei gespült. Die heraus gelösten Steine bilden hier ein sehr rein gewaschenes Geröll-Lager.
 
Im Weitergehen können wir jenseits der Förde, am dänischen Ufer von Broager, helle Streifen am Ufer erkennen. Das sind die dortigen offenen Steilufer von Skeldekoppel und Borreshoved. Dort ereignen sich regelmäßig starke Kliff-Abbrüche.
Hier, auf der Westseite  des Habernisser Sporns, erfolgen die Abbrüche (noch) in gemäßig-terem Ausmaß. Jedoch belegen die steinreichen Geröllstrände am Kliff-Fuß, dass viel Steilufersubstanz im Lauf der Zeit bereits niedergebrochen ist. Die im Flachwasser vor dem Ufer verstreut liegenden, großen Steine markieren frühere Positionen des verschwundenen Kliffs (Bild rechts).
 
   Der Blick über die Förde auf die Steilufer
   von Broager
  Frischer Abbruch: An solchen Strandab-
  schnitten muss man damit rechnen, über
  niedergestürzte Bäume klettern zu müssen.
 Unmittelbar vor der Spitze des Kliffs ragt
 der hohe Uferhang steil auf, er ist
 bewachsen.
     
   Kaum ist die Spitze umrundet, zeigt sich ein  
   anderes Bild: der Hang ist aufgerissen.
  Es sind die Winterstürme, aber vor allem auch längere Regenperioden, die dem 
  exponierten Steilufer zusetzen und die Kliffabbrüche bzw. Hangrutschungen verursachen.
 
Durch die niederfließenden Erdmassen sind Eindrücke vom Kliff-Profil selten zu bekommen. Wo sie sich einmal als kleine Fenster ergeben, deuten sie die wirre Gemengelage der gestauchten und z. T. auch überschobenen Schichten an. Diese bestehen aus Mergel, Ton und Schmelzwassersanden  -  Relikte unterschiedlicher Ablagerungsgegebenheiten.
  Eingeschaltet: Linsen
  aus dunklem Eem-
  Ton   -     
     -  und fluidal abgelagerten
        Schmelzwassersanden. 
  
   Diese Ablagerungssituation weist
   auf Turbulenzen in einem auf-
   tauenden Permafrostboden hin.
  Unterschiedliche Mergel-Ablagerungen,
  mehr oder weniger mit Steinen
  durchsetzt. 
 
  Bild 1 (links) zeigt uns braunen Geschiebelehm über blaugrauem Eem-Ton - in der Uferwand. In Bild 2 (Mitte) sehen wir beides offengelegt auf dem Boden, mit etwas angeschwemmtem Kies bedeckt.
Der Geschiebemergel bzw. -Lehm (rechts) ist mit Steinen durchsetzt, der aus Meeresablagerungen stammende Eem-Ton selbst ist steinfrei.
 
Die Hangrutschungen lassen die Uferlinie auf der Nordostseite zerrissen erscheinen. Durch die Abbrüche entstehen  Nischen im Steilufer, in denen man immer wieder auf größere abgerutschte Hangpakete, sogar mit Baumbestand treffen kann. Diese pakete gleiten als Ganzes dem Strand zu und werden dort vom Wellenschlag aufgelöst und abgetragen. Der zerstörerische, chaotisierte Eindruck wird verstärkt durch niedergestürzte Betonteile und freigelegte Armierungen.
 
 
  Ein einst hier gefundener Faustkeil verweist allerdings
  darauf, dass nicht nur in der Gegenwart Menschenwerk
  hier seine Spuren hinterließ.
 
Und es finden sich auch hier steinerne "Boten" aus noch wesentlich älteren Zeiten:
1. Dieser Tonsandstein ist flach geschliffen und zeigt obendrein Striemen, die das über ihn schleifende Eis verursacht hat (Gletscherschliff).
2. Die Streifen dieses Steins sind allerdings nicht nur oberflächlich  -  es ist ein geschichtet abgelagerter und aufgebauter Sandstein.
3. Dieser sehr glatte und harte, ebenmäßig rot gefärbte Stein hat seine Heimat im Ostseebecken - ein sog. Ostsee-Quarzporphyr.
4. Ein an Spurenfossilien reicher Tonsandstein.
 
Der weitere Weg um das Kliff bedeutet Klettern  -  was aber nicht bedeutet, dass man nicht auch auf Sehenswertes stoßen kann, z. B. diesen grün "bemoosten" Stein (unten Mitte). Allerdings ist dieser Belag keineswegs Moos, sondern besteht mehr oder weniger aus kleinen Kristallen. Es handelt sich um das Mineral Epidot, das gerne (in Form von als wässrigen Lösungen) Spalten und Kluftflächen im Gestein auskleidet. Auf diese Weise bildet es solche "Rasen" aus. Die Steine spalten dann auch gerne entlang dieser Kluftflächen.
 
Der Blick zurück bestätigt uns, dass wir uns auf gefährlichem Terrain bewegt hatten... Der Blick nach vorne jedoch beschenkt uns mit dem Kontrastprogramm: der Weite der Geltinger Bucht mit ihren einladenden Sandstränden.
 
Man kann einen entspannten, landfesten Spaziergang anschließen und entlang der Straße "Na de Huk" zum Parkplatz an der Habernisser Bucht zurückkehren. Dann fügen sich ergänzend Eindrücke des landwirtschaftlich geprägten Hinterlandes des Kliffs hinzu  -  und ein Blick über die Moorniederung, aus neuer Perspektive (Bild rechts).
       
 
   
Literatur:
1 Köster R. 1958: Die Küsten der Flensburger Förde  -  Ein Beispiel für Morphologie und Entwicklung einer Bucht in: Schr. Nat. Verein SH. Bd. 29. 1 S. 7-8. 
Niedermeyer R.-O. u. a. 2011: Die deutsche Ostseeküste, S. 134
Vinx, R. 2016: Steine an deutschen Küsten  -  Finden und Bestimmen.
Zölitz R. 1989: Landschaftsgeschichtliche Exkursionsziele in Schleswig-Holstein, Punkt 28
Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Geotope_im_Kreis_Schleswig-Flensburg
https://www.schriften.uni-kiel.de/Band%2029/Koester_29_1_5_18.pdf
   
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